31. Juli 2006 - Mit der nächsten Rating-Generation setzt das Rating-Haus Fitch (www.fitchratings.com) auf das neue Kapitalmodell Prism (deutsch Prisma), weil faktorbasierte Modelle nicht mehr der aktuellen Risiko-Theorie entsprechen.
Fitch übernimmt nach eigenen Aussagen mit dem neuem Kapitalmodell Prism eine Vorreiterrolle. Tim Ockenga (Foto), bei Fitch in London für den deutschen Versicherungsmarkt zuständig, teilt mit: "Die nächste Generation Fitch Ratings führt mit Prism als erste international anerkannte Rating-Agentur ein Kapitalmodell ein, welches aktuelle Erkenntnisse der Finanztheorie verwendet und darüber hinaus bezüglich der verwendeten Daten-Grundlage auf den deutschen Versicherungsmarkt abgestimmt ist." Fitch Ratings sieht sich als Marktführer bei deutschen Versicherungs-Ratings. Den Unternehmens-Angaben zufolge setzt Fitch bereits seit Jahren Kapitalmodelle ein, um die Sicherheitsmittel-Ausstattung von Versicherungs-Unternehmen festzustellen. Dabei wird das rechnerisch notwendige Kapital eines Unternehmens dem tatsächlich vorhandenen Kapital gegenüber gestellt. Der sich somit ergebene Grad an Über- oder Unterdeckung (das heißt, dass das vorhandene Kapital höher oder geringer ist als das benötigte Kapital), stellt für Fitch einen wichtigen Faktor bei der Beurteilung der Finanzstärke eines Versicherers dar.Bei den von Fitch und anderen internationalen Rating-Agenturen verwendeten Modellen handelt es sich bisher um so genannte faktorbasierte Modelle. Der Ausdruck "faktorbasiert" bedeutet, dass eine Kennzahl, beispielsweise die verdienten Beiträge in der Lebensversicherung, mit einem Faktor (Beispiel Faktor 0,4) multipliziert werden, um das entsprechende vorzuhaltende Risikokapital für diese Beiträge zu erhalten. In dem genannten Beispiel müssen dann für jeden Euro Beitrag 40 Cent Kapital vorgehalten werden. Entsprechende Faktoren werden auf Grundlage empirischer Studien gewonnen. "Diese Vorgehensweise ist zwar aufgrund der relativen Einfachheit weit verbreitet, aber dennoch nicht optimal", sagt Tim Ockenga.
Nicht mehr der aktuellen Stand der Risiko-Theorie
Problematisch sei hierbei vor allem, dass die verwendeten Faktoren häufig aus US-amerikanischen Daten stammen. Das so ermittelte notwendige Kapital entspreche gegebenenfalls nicht genau den lokalen Gegebenheiten, wie sie beispielsweise in Deutschland bestehen. Faktorbasierte Modelle bilden darüber hinaus die hochkomplexe Umwelt eines Unternehmens und die Interaktion mit den Kapitalmärkten sowie zwischen Kapitalanlagen und der Versicherungs-Technik, dem so genannten "Asset-Liability Management", nicht umfänglich genug ab. Letztendlich ist auch die Aggregation einer möglicherweise unendlichen Anzahl von Faktoren modelltheoretisch nicht stringent (Das Wort Aggregation kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Anhäufung oder Zusammenlagerung (aggregare = anhäufen, beigesellen; aggregatio = Anhäufung, Vereinigung). Wie Fitch betont, entsprechen faktorbasierte Modelle daher nicht mehr dem aktuellen Stand der Risiko-Theorie und sollten durch verbesserte Modelle abgelöst werden.
Bei Fitch ist jetzt das neue Kapitalmodell Prism angesagt: Darin werden aktuelle Erkenntnisse der Finanz-Theorie verwendet. Darüber hinaus ist Prism bezüglich der verwendeten Datengrundlage auf den deutschen Versicherungsmarkt abgestimmt. In die Entwicklung der neuen Generation des Kapitalmodells wurden mehrere Jahre an Arbeit investiert. Somit fühlt sich Fitch als Wegbereiter bei der Überführung aktueller Erkenntnisse der Finanz-Theorie in die Praxis. Tim Ockenga: "Mit Prism verfügt Fitch auch über ein Modell, welches die besonderen Eigenheiten der deutschen Assekuranz weitestgehend berücksichtigt."
Grundlage von Prism ist laut Fitch-Erklärung eine so genannte stochastische Modellierung. (Stochastik als ein Teilgebiet der Mathematik ist die Lehre der Häufigkeit und Wahrscheinlichkeit.) Im Gegensatz zu faktorbasierten Modellen mit ihrer Multiplikation von Kennzahlen, beruht die stochastische Modellierung auf fortgeschrittenen Rechen-Methoden, welche die Interaktion einer Vielzahl von einzelnen Werten steuern. Interaktion meint hier das wechselseitige aufeinander Einwirken von Akteuren oder Systemen. Laut Fitch ist dabei die Ungewissheit ein wesentliches Element. Ein Wert der Vergangenheit wird nicht einfach in die Zukunft fortgeschrieben, sondern der aktuelle Wert dient lediglich als Basis für eine Wahrscheinlichkeit. Es ist somit nicht mit Sicherheit vorhersehbar, welche Entwicklung die Zukunft aufweist. Die stochastische Modellierung erstellt deshalb eine Verteilungs-Funktion mit verschiedenen Umweltzuständen. Ockenga: "Der Vorteil dieser Methode ist, dass nicht Annahmen der Vergangenheit starr fortgeschrieben werden, sondern eine dynamische Projektion erlaubt."
Die stochastische Modellierung wird mittlerweile auch von vielen größeren Versicherungs-Unternehmen als Kalkulations-Grundlage ihrer eigenen Kapitalmodelle verwendet und ist als fortgeschrittene Methode anerkannt.
Bei Prism wird für jeden Versicherer ein individuelles finanzielles Profil mit einer eigenen Risikoverteilung generiert. Berücksichtigt werden dabei mehrere Risikoarten:
- Asset-Liability Mismatch (ALM): Risiko, das Verbindlichkeiten und Kapitalanlagen unterschiedliche Laufzeiten haben;
- Investitions-Risiko: Zinsänderungs-, Marktschwankungs- und Ausfall-Risiko;
- Reservierungs-Risiko: Gefahr, das die Rückstellungen nicht ausreichend dotiert sind;
- Zeichnungs-Risiko: Möglichkeit, Verluste durch nicht adäquate Risiko-Auswahl bei der Vertragsannahme zu generieren;
- Katastrophen-Risiko: Gefahr durch Naturkatastrophen;
- Rückversicherungsausfall-Risiko: Möglichkeit des Ausfalls eines Rückversicherers.
Keine groben internationalen Schätzwerte
Die Methodik der stochastischen Modellierung ist dabei weltweit gleich. Unterschiede gibt es bei den verwendeten Parametern. Diese basieren (sofern vorhanden und wesentlich) weitestgehend auf lokalen, in diesem Fall nach Möglichkeit deutschen, Daten. Somit können noch besser als bisher internationale und deutsche Versicherer miteinander verglichen werden. Die weitest gehende Verwendung lokaler deutscher Daten ermöglicht erstmals auch eine modelltheoretisch fundierte und detaillierte Anpassung der Modelle an das betriebene deutsche Versicherungsgeschäft. Fitch Ratings bietet somit den Benutzern seiner Ratings keine groben internationalen Schätzwerte, sondern setzt seine Erfahrung im deutschen Versicherungsmarkt ein, um ein modelltheoretisch modernes und bezüglich der lokalen Gegebenheiten sensibilisiertes Kapitalmodell einzuführen.
Als zweites Kernelement verfügt Prism nach Fitch-Angaben über einen so genannten Szenario-Generator. Dieser setzt das stochastisch ermittelte individuelle finanzielle Profil in über 5.000 Szenarien Veränderungen aus, um eine Übersicht über die Kapitalstärke des Versicherungs-Unternehmens zu erhalten. Veränderungen werden dabei nicht nur stichtagsbezogen berechnet, sondern über einen Zeitablauf von 30 Jahren simuliert.
Wie es in den Makler-News von Fitch (www.fitch-makler.de) heißt, kann Prism kann auf Grundlage veröffentlichter Daten betrieben werden. Individuelle nicht-öffentliche Daten können jedoch, sofern vorhanden, von den Analysten zusätzlich berücksichtigt werden.
Einführung & Auswirkungen
Fitch Ratings hat im Rahmen dieser weltweiten Initiative die dem Modell zugrunde liegende Methodik in Verbindung mit umfangreichen Erläuterungen auf seiner Internetseite veröffentlicht und unter anderem auch die deutsche Versicherungswirtschaft um Kommentare gebeten. Unter www.fitchratings.com/prism sind die Dokumente frei zugänglich und jederzeit abrufbar.
Ab Herbst wird Fitch voraussichtlich eine Probe-Version von Prism veröffentlichen und den gerateten Versicherern zur Verfügung stellen. Die endgültige Einführung von Prism ist für Anfang 2007 geplant. Darüber hinaus soll Prism längerfristig in das Q-Rating-Modell der Agentur integriert werden. Beim Q-Rating war es zu Dissonanzen mit dem Verband der Deutschen Versicherungswirtschaft gekommen (siehe auch "Das Q-Rating ist da").
Wie Fitch mitteilt, sind als Resultat der Einführung des neuen Kapitalmodells Rating-Veränderungen grundsätzlich möglich. Wenn Prism aufgrund der Risiko-Verteilung im Unternehmen einen geringeren Kapitalbedarf prognostiziert, könne unter Umständen eine Heraufstufung des Ratings die Folge sein. Im negativen Fall könnte jedoch auch eine Verschlechterung des Ratings erfolgen.
Fitch möchte jedoch im Interesse der Nutzer ihrer Ratings die Volatilität minimieren, welche durch den Modellwechsel ausgelöst werden könnte. Die Agentur betont dabei die Wichtigkeit der Stabilität ihrer Ratings. Daher bietet Fitch den Versicherungs-Unternehmen die Möglichkeit einer "Cure"-Periode an, sofern es zu einer Verschlechterung des Ratings aufgrund der neuen Kapitalanforderungen kommen sollte: Sofern die Absicht besteht, eine nicht ausreichende Kapitalbasis durch die Aufnahme von Kapital (beispielsweise Ausgabe nachrangiger Darlehen) in einem absehbaren Zeitraum zu verstärken, wird die Aktualisierung des Ratings erst nach der Kapitalaufnahme erfolgen. Fitch geht davon aus, das diese Vorgehensweise den gemeinsamen Interessen der verschiedenen Nutzern ihrer Ratings am bestens entspricht.
Der Text stammt in Auszügen aus den makler-news Nr. 22 von FitchRatings.
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