6. Juli 2006 - Wären alle Autos mit elektronischen Fahrassistenten ausgestattet, käme es seltener zu Unfällen. Das demonstrierten Winterthur (www.winterthur.com) und Dekra (www.dekra.de) bei spektakulären Crashtests.
Die Entwicklung von Assistenz-Systemen – wie das Anti-Blockier-System (ABS) und das Elektronische Stabilitätsprogramm (ESP) – zur aktiven Unterstützung von Autofahrern in Gefahrensituationen wird stark vorangetrieben. Wie hilfreich die Fahrassistenten sein können, wurde bei mehreren Crashtests im Schweizer Wildhaus gezeigt. Bei strömendem Regen verfolgten nahezu tausend Zuschauer, unter ihnen Ärzte, Juristen, Ordnungshüter, Versicherungs-Experten und Dekra-Mitarbeiter, wie die Unfall-Forscher und Autotechniker des Winterthur Insurance Accident Research und der Dekra die Auto-Karambolagen inszenierten. Beim gezielten Einsatz von elektronischen Fahrassistenten minimierten sich die Schäden oder wurden ganz verhindert.
"Die modernen Fahrassistenten - wie ABS, ESP, der Bremsassistent oder die automatische Abstandsregelung - gehören zu den aktiven Sicherheitssystemen, die nicht erst beim Eintreten eines Unfalls, sondern bereits in kritischen Situationen während der Fahrt wirksam werden", betonte Anton Brunner (Foto rechts), Leiter Accident Research. ABS und ESP werden seinen Angaben zufolge größtenteils serienmäßig eingesetzt, während der Bremsassistent und die automatische Abstandsregelung erst bei Fahrzeugen des höheren Preissegments als Sonderausstattung erhältlich sind. Brunner ist ausgewiesener Fachmann in der Winterthur Unfallforschung. Zur Schweizer Versicherungsgruppe gehört auch die DBV-Winterthur (www.dbv.winterthur.de) in Wiesbaden, wo ebenfalls viel für die Unfallforschung getan wird. Die Winterthur ist eins von drei Versicherungs-Unternehmen in Europa, die ein eigenes Forschungsteam hat. Dabei arbeitet das Team vor allem im Bereich der Prävention von Unfällen und den damit verbundenen Verletzungen. Ziel sei es, neue Sicherheits- und Schutzpotenziale für die Kunden sowie für alle Autofahrer zu erarbeiten.Jährlich sterben in Europa rund 42.000 Personen bei Verkehrsunfällen, 1,9 Millionen werden verletzt. Eine Untersuchung des Gesamtverbands der deutschen Versicherungswirtschaft (www.gdv.de) besagt, dass ein Viertel der Unfälle mit Schwerverletzten und rund 60 Prozent aller Unfälle mit Todesfolge durch Schleudern des Fahrzeugs verursacht. In der Schweiz ist die Situation ähnlich: Laut der schweizerischen Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) führen Schleuder- und Selbstunfälle am häufigsten zu schweren und tödlichen Verletzungen von Pkw-Insassen.
Fast jeder Autofahrer ist schon einmal mit einer kritischen Fahrsituation in einer falsch eingeschätzten Kurve, einem plötzlich auftretendes Hindernis oder einer stellenweise vereiste Strasse konfrontiert worden. Bei solchen Bedingungen kann das Fahrzeug schnell außer Kontrolle geraten. "ESP greift in Gefahrensituationen ein und hilft, das Fahrzeug zu stabilisieren. Dessen flächendeckender Einsatz würde den Anteil folgenschwerer Unfälle um 30 bis 40 Prozent reduzieren", sagt Anton Brunner. In der gebirgigen Schweiz dürfte das Sicherheits-Potenzial sogar noch höher sein, so das Bundesamt für Strassen (ASTRA). "Heute ist ESP in der Schweiz und in Deutschland bei rund 60 Prozent aller Neuwagen Standard. Aufgrund seines hohen Sicherheits-Potenzials sollte die Durchdringung von ESP jedoch baldmöglichst hundert Prozent betragen", fordert Anton Brunner.
Eine halbe Sekunde rettet Leben
In Notfällen bremsen die Autolenker oft nicht schnell genug oder zu zaghaft, was die Bremswirkung stark reduziert und den Bremsweg deutlich verlängert. Das wurde bei den Crashtests deutlich, denn jeweils eins der beteiligten Autos besaß weder ABS, noch ESP oder Bremsassistent. Häufig kam es nur deshalb zum Zusammenprall, weil der neue elektronische Helfer nicht vorhanden war. Tatsächlich – so die Fachleute - entscheiden nur Bruchteile von Sekunden darüber, ob es zum Unfall kommt oder nicht: Rund 65 Prozent der Auffahr-Unfälle und fast ein Drittel der Frontal-Kollisionen könnten vermieden werden, wenn der Fahrer auch nur eine halbe Sekunde früher bremsen würde. "Bremst der Autolenker bei einer Geschwindigkeit von 60 km/h nur eine halbe Sekunde früher, verkürzt sich der Bremsweg bereits um rund acht Meter, wie Crashtests der Winterthur und der Dekra demonstrieren. Der Einsatz des Bremsassistenten würde dem Fahrer helfen, im Notfall schneller zu bremsen", erklärte Jörg Ahlgrimm, Head Accident Analysis der Dekra.
Der so genannte Bremsassistent, der seit rund sechs Jahren auf dem Markt ist, hilft dem Fahrer in Notfällen schneller die volle Bremswirkung zu erzielen. In der Praxis misst ein im Fahrzeug eingebauter Sensor bei jeder Bremsung, wie schnell der Fahrer auf das Bremspedal tritt. Stehen die Zeichen auf Vollbremsung, wird der Bremsdruck innerhalb von Sekundenbruchteilen auf das Maximum erhöht. So wird auch bei schwacher Betätigung der Bremsen die maximale Bremswirkung erreicht.
Mit Radar-Sensoren gegen die Kollisionsgefahr
Neue, mit Sensoren ausgestattete Fahrassistenz-Systeme helfen, die Fahrer-Reaktion vorzuverlegen. Mittels Radar-Sensoren erfassen sie vorausfahrende Fahrzeuge, ermitteln deren Geschwindigkeit und greifen ein, wenn sich der Abstand zum Vordermann zu sehr verringert. "Sie erkennen sich verändernde Abstände eher als der Fahrer, dies auch bei stark eingeschränkter Sicht, zum Beispiel bei Regen oder Nebel. Durch den Einsatz dieser Systeme könnte die Anzahl Auffahrunfälle massiv herabgesetzt werden", ist Anton Brunner überzeugt. Wie die Crashtests zeigen, ist der Sicherheitsgewinn bei Auffahr-Unfällen mit Nutzfahrzeugen besonders hoch. Je größer die Masse des unfallverursachenden Fahrzeugs, desto kleiner die Überlebens-Chancen für die anderen Verkehrsteilnehmer. Bisher sind jedoch nur sehr wenige Nutzfahrzeuge mit Fahrassistenten ausgerüstet.
Die mit Sensoren ausgerüsteten Sicherheits-Systeme wurden auf Basis der automatischen Abstandsregelung entwickelt, die im Jahr 2000 auf den Markt kam. Die weiterentwickelten Systeme gibt es in verschiedenen Ausbaustufen: Die erste bereitet die Bremsanlage auf eine Notbremsung vor, wenn der Radar eine Gefahrensituation erkannt hat. Der Fahrer gewinnt so wichtige Sekundenbruchteile beim Bremsen. Eine zweite Ausbaustufe warnt den Fahrer darüber hinaus vor einer sich abzeichnenden kritischen Situation. Bei beiden Systemen muss der Fahrer jedoch selber aktiv werden, um die Kollision zu vermeiden. Anders bei der dritten Ausbaustufe, der automatischen Notbremsung: Dank der Radarsensoren erkennt das System frühzeitig, wenn eine unvermeidbare Kollision mit einem vorausfahrenden Fahrzeug droht und löst selbstständig die Notbremsung aus, wenn der Fahrer nicht oder nur unzureichend auf die vorausgegangenen Warnungen reagiert.
Sinnvoll trotz unerwünschter Nebeneffekte
Könnte der Einsatz von Fahrassistenten - nebst dem erwarteten Sicherheitsgewinn - auch zu einer riskanteren Fahrweise mancher Lenker führen? "Dieses Risiko steht in keinem Verhältnis zu den Vorteilen, die solche Systeme der großen Mehrheit der Fahrzeuglenker bietet", steht für Jörg Ahlgrimm bereits heute fest. Damit das Sicherheits-Potenzial der Fahrassistenten zum Tragen kommt, müssen die Fahrer einen verantwortungsvollen Umgang mit den Systemen an den Tag legen. "Denn Fahrassistenten sind nur innerhalb bestimmter Grenzen wirksam: Physikalische Gesetze können nicht außer Kraft gesetzt werden", warnen die Fachleute.
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