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Riester-Rente kann ohne Reform nicht überleben

1. Februar 2022 - Unterschiedlicher hätten die Positionen der Teilnehmer der Versicherungsmonitor-Veranstaltung am 1. Februar zum Thema „Die Zukunft der Riester-Rente: Einstampfen, umbauen, retten?“ nicht sein können. Die Statements der vier Experten reichten von Stoppen bis Weitermachen, aber bitte dringend mit Reform.

Zum Thema Riester-Rente sprach Herbert Fromme, Herausgeber „Versicherungsmonitor“ einen Diskurs. Von einer „Hassliebe“ der Versicherer zur Riester-Rente sprach er dabei.

Anfangs hätte die Branche großes Rendite-Potenzial gesehen, später habe man die Riester-Rente wegen der komplizierten Vorgaben des Gesetzgebers als gescheitert erklärt. Es gebe angesichts der 100-prozentigen Beitragsgarantie nur noch wenige Riester-Anbieter im Markt.

Herbert Fromme berichtete, dass die Stiftung Warentest noch 35 Riester-Anbieter ermittelt habe, es seien wahrscheinlich sehr viel weniger, so der Veranstalter. Wie dem auch sei, es seien noch Bestände bei den Riester-Renten vorhanden. Und nun sei es an der Branche, ist sich Journalist Fromme sicher, einen sauberen Exit aus der Riester-Rente hinzubekommen: „Sonst wird man künftig in Sachen Altersvorsorge noch weniger zu sagen haben als dies jetzt schon der Fall ist.“

Riester-Rente erreiche ihren Zweck
Eine Lanze für die Riester-Rente brach Martin Gräfer, Vorstandsmitglied von Die Bayerische: „Wir kämpfen für die Riester-Rente, damit sie reformiert wird.“ Und: „Die Riester-Rente wird totgeredet aus dogmatischen, aber nicht aus sachlichen Gründen.“ Die Rente sei vor 20 Jahren als Ergänzung auf eine Reduktion der gesetzlichen Rente eingeführt worden. Sie könne eine weitergehende Altersvorsorge nicht ersetzen. Und nicht für jeden Kunden sei eine Riester-Rente die richtige Lösung. Es sei aber ein Produkt, das für viele passen kann. Immerhin sei es laut einer Studie des Deutschen Instituts für Vermögensbildung und Alterssicherung für 81 Prozent von Befragten wichtig, eine staatliche Förderung bei der Altersvorsorge zu erhalten.

Und schließlich habe diese geförderte Rente ihren Zweck erfüllt: Fast 40 Prozent der geförderten Riester-Sparer verdienen weniger als 20.000 Euro im Jahr, annähernd 60 Prozent weniger als 30.000 Euro. 16,3 Millionen Verträge gebe es in Deutschland, ein Weltrekord, in keinem anderen Land gebe es mehr Abschlüsse bei freiwilligen und geförderten Altersvorsorgeprodukten. Im Vorjahr sei zwar die Anzahl der Neuverträge leicht gesunken, die laufenden Beiträge der Riester-Verträge aber um 7,6 Prozent auf 5.833 Millionen Euro gestiegen.  

Um das Konzept der Riester-Rente überlebensfähig zu machen, müsse der Gesetzgeber die Beitragsgarantie auf ein Niveau von 60 bis 80 Prozent senken. Denn ab 0,5 Prozent Rechnungszins sei es schwierig bis unmöglich, zu einem Beitragserhalt bei normalen Laufzeiten zu kommen, selbst dann, wenn die Abschlusskosten beim Vertrieb komplett wegfielen, erklärte Gräfer. Der Vorstand forderte darüber hinaus eine Vereinfachung der Riester-spezifischen Verwaltungsprozesse. Durch diese Prozesse sei das Produkt mittlerweile das teuerste der Branche. Schließlich forderte er eine Anpassung der Riester-Förderung an die Inflationsraten. Denn gerade Geringverdiener und Menschen mit Kindern profitierten passgenau von der Riester-Förderung.

Weg mit dem Verrentungszwang
Auch Carsten Zielke, Geschäftsführer von Zielke Research Consult, forderte Reformen der Riester-Rente. So erhielten Riester-Rentner eine signifikant höhere Auszahlung, wenn man den Verrentungszwang der Rente aufheben würde. Denn die Langlebigkeitsrisken würden von den Versicherern zu konservativ gerechnet werden, sie unterstellten eine höhere Langlebigkeit, was zu verminderten Rentenzahlungen führe. Eine Abschaffung des Verrentungszwangs würde zudem die Solvenz-Quoten der Versicherer steigen lassen. Der Staat solle besser Auszahlungspläne bis zu einem bestimmten Alter zulassen und das Langlebigkeitsrisiko – analog zur gesetzlichen Rentenversicherung – auch für bestehende Verträge übernehmen. Dann würden auch höhere Beträge ausbezahlt werden können.

Als zweites schlug Zielke eine Umstellung der Bilanzierung der Versicherer von HGB auf IFRS 17 vor, wie das im Großteil der Europäischen Union der Fall sei. Dies würde dazu führen, dass die Versicherer mehr Kapital in Aktien anlegen dürften und es damit zu einer besseren Performance der Riester-Rente komme.

Run-off bei Riester möglich
Oliver Wibbe, Geschäftsführer und Chief Sales Officer der Swiss Post Solutions (SPS), sagte, dass er nachvollziehen könne, wenn den Versicherern das Geschäft mit Riester-Policen keinen Spaß mehr mache. Gründe seien eine gegenläufige Ertragslage (Garantieverzinsung in der Niedrigzinsphase), kaum noch zu kontrollierende Prozesskosten, ein enormer Kostendruck und der Fachkräftemangel. SPS ist laut Oliver Wibbe Marktführer für Business Outsourcing. Bisher arbeitet das Unternehmen in Deutschland bereits mit zwei Versicherern, um die Bearbeitung ihrer Riester-Bestände. SPS biete darüber hinaus auch Lösungen für weitere Assekuranzen in Sachen Riester an. SPS würde die Riester-Bestände der Versicherer übernehmen, um sie zu planbaren Fixkosten und „in höchster Qualität“ weiterzuführen. Kostengünstig soll dies mit einer weitestgehend digitalisierten „Riester-Factory“ möglich sein.

Hohe Kosten, geringe Rente
Für die Verbraucherschützer legte Axel Kleinlein, Vorstandsvorsitzender des Bund der Versicherten, seine Kritik an der Riester-Rente offen. Diese Form der geförderten Altersvorsorge verursache nicht nur hohe Kosten, auch die von den Versicherern zu hoch unterstellte Lebenserwartung der Versicherten kürze deren Renten. Auch er sprach sich wie Zielke gegen den Verrentungszwang bei der Auszahlung der Renten aus. Die im Koalitionsvertrag der Ampel-Parteien vorgestellten Ideen zur Altersvorsorge hält er für „dünn“. Mit der vorgeschlagenen Aktienrente von zehn Milliarden Euro könne man gerade einen Tag die Finanzierung der gesetzlichen Rente sicherstellen.

Dringender Handlungsbedarf der Politik
In der anschließenden Diskussion stritten Martin Gräfer und Axel Kleinlein über die von den Versicherern angenommenen Lebenserwartungen der Versicherer. Gräfer berief sich auf Quellen, nach denen heute in Baden-Württemberg Männer eine Lebenserwartung von 90, Frauen von 93 Jahren hätten. Kleinlein war hier anderer Meinung. Zielke brachte den Einwand, dass Menschen, die eine solche Versicherung abschließen, in der Regel älter würden als andere.

Als Zweites kritisierte Kleinlein, dass die Leistung der Versicherer geringer sei als deklariert, da viele Versicherte vor ihrer Lebenserwartung versterben. Gräfer konterte, dass 90 Prozent der Risikoüberschüsse dem Versichertenkollektiv zurückfielen. Außerdem versuche Axel Kleinlein seit Jahren die Lebensversicherung und die Riester-Rente ohne neue Einwäde für tot zu erklären.

Gleicher Meinung waren aber die Kontrahenten, dass die neue Bundesregierung das Thema Altersvorsorge nach oben auf die Agenda rücken müsse. Aus dem Bundeszuschuss von derzeit 75 Milliarden Euro pro Jahr würden demnächst 100 Milliarden Euro und mehr, betonte Gräfer. Es gebe hier dringenden Handlungsbedarf der Politik. (Autor Bernd Rudolf / Screeshots E. Bocquel / www.bocquel-news.de)

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