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Konzepte und Kriterien

Erst- und Rückversicherer müssen Milliarden stemmen

11. April 2011 - Zehn Katastrophen von immensem Ausmaß führten 2010 zu Versicherungsschäden von jeweils mindestens 1 Milliarde US-Dollar (knapp 700 Millionen Euro pro Ereignis). Die Swiss Re dokumentiert das in der sigma-Studie „Natur- und Man-made-Katastrophen 2010".

Thomas Hess „Das Jahr 2010 wurde nicht nur durch schwere Erdbeben geprägt, die zu den opferreichsten, teuersten und stärksten der Geschichte zählten, sondern auch durch eine Reihe von extremen Wetterereignissen wie massive Überschwemmungen. Einige dieser Überschwemmungen betrafen leider Länder mit geringer Notfallplanung und unterentwickelten Versicherungsmärkten", sagt Thomas Hess (Foto), Chefökonom bei Swiss Re (www.swissre.com). Der weltweit zweitgrößte Rückversicherer mit Sitz in Zürich/Schweiz veröffentlichte jetzt in der Reihe seiner sigma-Studien einen Bericht zu den Auswirkungen und Kosten der Naturkatastrophen und „man-made disasters" im Jahr 2010. Demnach haben vergangenes Jahr schwere Katastrophen wesentlich mehr Menschenleben als im Vorjahr gefordert: Insgesamt waren fast 304.000 Todesopfer zu beklagen, gegenüber 15.000 im Jahr 2009. Die meisten Menschenleben forderte im Januar 2010 das Erdbeben in Haiti mit mehr als 222.000 Toten. Rund 56.000 Menschen starben im Sommer infolge der Hitzewelle in Russland. Die Überschwemmungen in China und Pakistan kosteten im Sommer über 6.200 Menschen das Leben.

Größte Versicherungsschäden durch Erdbeben in Christchurch/Neuseeland
Die Rück- und Erstversicherer mussten 2010 für mindestens zehn Katastrophen jeweils 1 Milliarde US-Dollar an versicherten Schäden stemmen. Die höchsten Versicherungsschäden wurden durch zwei Erdbeben verursacht: im Februar in Chile (8 Milliarden US-Dollar entspricht 5,5 Milliarden Euro) und im September in Christchurch, Neuseeland (4,4 Milliarden US-Dollar entspricht 3,1 Milliarden Euro). Der Wintersturm Xynthia richtete in Westeuropa Versicherungsschäden von 2,8 Milliarden US-Dollar (1,9 Milliarden Euro) an und war damit das drittteuerste Ereignis des Jahres.

In den USA generierten drei Stürme und in Australien zwei Stürme ebenfalls Schäden von über 1 Milliarde US-Dollar (700 Millionen Euro). Die Sachschäden aus der Explosion der BP-Plattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko werden auf 1 Milliarde US-Dollar geschätzt. Angesichts der Komplexität der Schäden ist diese Summe jedoch noch mit großen Unsicherheiten behaftet.

Aktien der Versicherer und Rückversicherer im Keller
Die Bevölkerung Japans kommt nicht zur Ruhe. Ein zweites schweres Erdbeben in der vergangenen Woche erschütterte den Norden Japans. Zeitungsberichten zufolge brachte das auch die Aktien der Versicherern und Rückversicherer ins Wanken. Wie in der Financial Times Deutschland (www.ftd.de) zu lesen war, ging in den Minuten nach Bekanntwerden des zweiten Bebens der Wert der Papiere in den Keller. Das erste Beben vom 11. März 2011 wird die Rückversicherer teuer zu stehen kommen. Nach Meinung von Analysten könnten Schäden durch Betriebsunterbrechungen die Rückversicherer ein Viertel des Gewinns kosten.

Gemäß der jüngsten sigma-Studie von Swiss Re betrugen die wirtschaftlichen Schäden aus Natur- und Man-made-Katastrophen im Jahr 2010 bis zu 218 Milliarden US-Dollar (entspricht circa 150,52 Milliarden Euro). Die Schadensumme habe sich damit gegenüber den 68 Milliarden US-Dollar (circa 47 Milliarden Euro) des Jahres 2009 mehr als verdreifacht. Die Kosten für die globale Versicherungswirtschaft beliefen sich laut sigma-Studie auf über 43 Milliarden US-Dollar (etwa 30 Milliarden Euro), was einem Anstieg um mehr als 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspricht. Rund 304.000 Menschen starben bei diesen Ereignissen, die höchste Zahl seit 1976.

Naturkatastrophen belasteten die weltweite Versicherungswirtschaft im Jahr 2010 mit rund 40 Milliarden US-Dollar (mehr als 27,6 Milliarden Euro); Man-made-Katastrophen sorgten für weitere Schäden in Höhe von über 3 Milliarden US-Dollar (circa 2,07 Milliarden Euro). Zum Vergleich: Im Jahr 2009 hatte die Summe aller Versicherungsschäden 27 Milliarden US-Dollar (nahezu 19 Milliarden Euro) betragen.

Lucia Bevere Lucia Bevere (Foto), eine Mitautorin der Studie, sagt: „In Nordamerika waren die versicherten Schäden 2010 mit über 15 Milliarden US-Dollar - mehr als 10 Milliarden Euro - am höchsten. Obwohl die Hurrikanschäden sehr gering waren, da das Festland der USA von Hurrikanen weitgehend verschont blieb, richtete eine Reihe von Stürmen geringerer Stärke im Laufe des Jahres erhebliche Schäden an."

Hohe Erdbebenschäden
2010 entfiel laut sigma-Studie fast ein Drittel der Katastrophenschäden auf Erdbeben. Die beiden teuersten Ereignisse des Jahres waren demnach die Erdbeben in Chile (Februar) und in Neuseeland (September). Sie führten zu versicherten Schäden von schätzungsweise 8 Milliarden US-Dollar (circa 5,5 Milliarden Euro) beziehungsweise 4,4 Milliarden US-Dollar (mehr als 3 Milliarden Euro). „Die Naturkatastrophenschäden 2010 entsprachen aufgrund der ungewöhnlich geringen Hurrikanschäden in den USA und trotz der wesentlich höheren Erdbebenschäden insgesamt dem zehnjährigen Durchschnitt", sagt Lucia Bevere.

Auch im Jahr 2011 werden die Erdbebenschäden über dem Durchschnitt liegen, prognostizieren erfahrene Risiko-Manager. Allein der Versicherungsschaden des Erdbebens von Christchurch, Neuseeland, vom 22. Februar 2011 könnte Schätzungen zufolge zwischen 6 Milliarden US-Dollar (circa 4,1 Milliarden Euro) und 12 Milliarden US-Dollar (mehr als 8,2 Milliarden Euro) liegen. Das massive Tohoku-Erdbeben, das Japan am 11. März erschütterte, dürfte nach ersten Schätzungen erhebliche Versicherungsschäden nach sich ziehen.

Kein langfristig steigender Trend zu erkennen
„Obwohl sich bei den weltweiten Erdbebenaktivitäten kein langfristig steigender Trend abzeichnet, nehmen die durch Erdbeben verursachten Todesfälle und Versicherungsschäden zu. Wichtige Gründe dafür sind das Bevölkerungswachstum, insbesondere in städtischen Gebieten, sowie der zunehmende Wohlstand und die sich rasch erhöhende Exponierung. Viele dieser schnell expandierenden Ballungsgebiete befinden sich in seismisch aktiven Regionen", sagt Balz Grollimund, der ebenfalls als Autoren an der jüngsten sigma-Studie arbeitete.

Asien am stärksten betroffen
Die weltweiten wirtschaftlichen Schäden aus Natur- und Man-made- Katastrophen im Jahr 2010 werden auf 218 Milliarden US-Dollar (mehr als 150 Milliarden Euro) geschätzt. Die Schadensumme habe sich damit gegenüber den 68 Milliarden US-Dollar (circa 47 Milliarden Euro) des Jahres 2009 stark erhöht, heißt es. Asien sei mit einem Gesamtschaden von etwa 75 Milliarden US-Dollar (rund 52 Milliarden Euro) die am stärksten betroffene Region. In Pakistan und großen Gebieten Chinas hatten außergewöhnlich starke Regenfälle im Sommer zu verheerenden Überschwemmungen geführt.

Dringend Präventions- und Katastrophen-Managements verbessern
„Diese Ereignisse verdeutlichen die dringende Notwendigkeit einer wesentlichen Verbesserung des Präventions- und Katastrophen-Managements, um das Leiden der Menschen zu verringern. Der schnell wachsende Wohlstand in den Schwellenländern sollte auch zur Bewältigung dieser Probleme eingesetzt werden", ergänzt Chefökonom Hess. Dieser Wohlstand werde die Versicherer zudem in die Lage versetzen zu expandieren, um die große Deckungslücke in vielen Schwellenmärkten teilweise zu schließen. „Die mangelnde Versicherungs-Deckung ist der Hauptgrund dafür, dass der finanzielle Schutz gegen die Folgen einer Katastrophe in den meisten Schwellenländern so gering ist", resümiert Hess. Insgesamt werden den Angaben zufolge die Versicherungsschäden insgesamt höher ausfallen, da in den sigma-Zahlen keine Haftpflichtschäden berücksichtigt wurden.


Die teuersten versicherten Katastrophenschäden 2010

 

Versicherter Schaden in Millionen US-Dollar (in Millionen Euro)

Datum (Beginn)

Ereignis

Land

1

8.000 (5.523)

27.02.2010

Erdbeben (MW 8,8) löst Tsunami aus

Chile

2

4.453 (3.074)

04.09.2010

Erdbeben (MW 7,0)

Neuseeland

3

2.754 (1.901)

27.02.2010

Wintersturm Xynthia

Frankreich Deutschland Spanien

4

2.165 (1.495)

04.10.2010

Gewitter, Tornados, Hagel, Überschwemmungen

USA

5

2.050 (1.415)

23.12.2010

Überschwemmungen durch heftige Regenfälle, tropischer Zyklon, Tasha

Australien

6

2.000 (1.380)

12.05.2010

Stürme mit Wind bis zu 130 km/h, Hagel

USA

7

1.231 (850)

13.03.2010

Sturm, Wind bis zu 120 km/h, heftige Regenfälle, Überschwemmungen

USA

8

1.079 (745)

22.03.2010

Sturm, Wind bis zu, 120 km/h, Hagel, Regen, Schlammlawinen

Australien

9

1.070 (739)

06.03.2010

Stürme, Hagel, Regen, Überschwemmungen

Australien

10

1.000 (690)

20.04.2010

Explosion auf der Deepwater Horizon

Golf von Mexiko USA

Quelle: Swiss Re Economic Research & Consulting

Zahlen für Naturkatastrophen USA: mit Genehmigung von Property Claim Services (PCS)

Die 1863 in Zürich/Schweiz gegründete Schweizerische Rückversicherungs-Gesellschaft AG Swiss Re gehört zu den weltweit führenden Rückversicherern. Seit Jahren veröffentlicht Swiss Re sigma-Studien, die vor allem aus Versicherersicht Daten und Zahlen von Katastrophen analysiert. Die neue sigma-Studie Nr. 1/2011 „Natur- und Man-made-Katastrophen 2010 - ein Jahr der verheerenden und teuren Ereignisse" steht in elektronischer Form unter www.swissre.com/sigma in deutscher, englischer, französischer und spanischer Sprache auf der Website von Swiss Re bereit. (eb / www.bocquel-news.de)

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